Als Sammlerin und Kulturhistorikerin schaue ich bei einem römischen Denar nicht nur auf Kopf und Legende. Viele Fälschungen sind inzwischen so geschickt gearbeitet, dass das Motiv allein kaum noch ausreicht, um Echtheit zu bestimmen. In diesem Beitrag teile ich sieben eher unscheinbare Merkmale, die ich in meiner täglichen Arbeit bei Helios Numismatik häufig nutze — kleine Hinweise, die zusammengenommen ein überzeugendes Bild liefern können.
Warum unscheinbare Merkmale wichtig sind
Der Kunstgriff vieler moderner Fälscher besteht darin, ikonographische Details korrekt zu kopieren. Deshalb verlasse ich mich nicht auf ein einzelnes Kriterium. Unscheinbare Merkmale wie Metallverhalten, Randbearbeitung oder Mikrostruktur des Stempels verraten oft mehr über Herstellungszeit und -weise als ein sauber geprägtes Porträt. Diese Indikatoren sind kein Alleinbeweis, aber in Kombination mit Provenienz, Stil-Analyse und physikalischen Tests sehr aussagekräftig.
Die sieben Merkmale, die ich prüfe
- Offenporigkeit und Korrosionsmuster: Echte Silberdenare zeigen oft charakteristische Korrosionsphänomene (z. B. Sodation oder Silberchloride) und eine feine, nicht gleichförmige Patina. Moderne Fälschungen haben häufig eine künstlich aufgebrachte „Patina“, die bei genauer Betrachtung zu homogen wirkt. Ich arbeite mit einer 10–20× Lupe und einem Mikroskop (z. B. Olympus oder Zeiss) und achte darauf, ob Korrosionsprodukte in Vertiefungen konzentriert sind — das spricht für Authentizität.
- Metalllegierung und Klang: Ein Denar hat je nach Epoche und Erhaltungsgrad einen charakteristischen Klang. Mit einer feinen, kontrollierten Klangprobe (leiser, auf weiche Unterlage) kann man Unterschiede erkennen — echte Silberstücke klingen oft heller und klarer. Wichtiger ist die Analyse der Legierung: moderne Nachgüsse verwenden manchmal Silberreinheitsgrade oder Legierungen, die im Römischen Reich untypisch sind. Ein präzises Labor wie das örtliche Restaurierungsinstitut oder ein mobiles XRF-Gerät (z. B. Bruker S1) liefert hier definitive Hinweise.
- Prägedruck und Metallfluss: Bei echten Stücken lässt sich an den Rändern des Bildfeldes oft erahnen, wie das Metall beim Schlag in feinster Weise in die Stempelritzung gedrängt wurde. Diese „Fließlinien“ sind sehr schwer naturgetreu zu reproduzieren. Unter starker Vergrößerung suche ich nach mikroverkürzten Strukturen und Metalllamellen an den Hochpunkten — typisch für historische Hammerschläge.
- Randbearbeitung und Schrötlingform: Der Schrötling (Rohling) und seine Vorbereitung geben einfache, aber zuverlässige Hinweise: Ein handgefertigter Schrötling hat oft unregelmäßige Ränder, asymmetrische Dicke oder kleine Grate, die bei modernen Maschinennachgüssen fehlen oder gleichmäßig sind. Ich messe mit digitalen Messschiebern (z. B. Mitutoyo) Durchmesser und Dicke und vergleiche mit bekannten Serien.
- Mikro-Sprünge und Versetzungen im Stempelbild: Stempel nutzen sich ab und entwickeln charakteristische Mikrorisse oder Abschürfungen. Echtheitsprüfer nutzen diese „Signaturen“: wiederkehrende kleine Lücken oder Linien, die in echten Stempeln nach Jahren des Gebrauchs auftreten. Fotografiere ich das Stück mit einem Makroobjektiv (z. B. 100 mm Makro) und vergleiche die Details mit Referenzfotos, lassen sich solche Merkmale oft identifizieren.
- Schriftbild und Abkürzungen: Bei Denaren ist die Lettering-Form ein sehr nützlicher Indikator. Nicht nur der Wortlaut, sondern auch die Haltung der Buchstaben, Spitzigkeit der Serifen oder typische Ligaturen sind wichtig. Moderne Replikate zeigen oft leicht „rundere“ oder untypisch gleichmäßige Buchstaben. Ich arbeite mit Schriftvergleichstabellen und vergleiche Zeichnungstiefe und Einzelbuchstaben unter 30–50× Vergrößerung.
- Provenienz, Fundweg und Altersspuren an Unauffälligem: Viele Sammler unterschätzen, wie aussagekräftig unscheinbare Begleitmerkmale sind: Ein historischer Klebestreifen, alte Katalognummern, Inventaretiketten oder Reste von Aufbewahrungsmaterialien können ein Stück authentifizieren. Ebenfalls wichtig: Verschleiß an unauffälligen Stellen (z. B. Nackenbereich hinter dem Kopf), die nicht Teil der Motivkomposition sind. Moderne Nachgüsse zeigen hier oft unnatürliche Glanzstellen.
Praktische Werkzeuge und Methoden, die ich benutze
In meinem Alltag haben sich einige Instrumente und simple Methoden bewährt:
- Digitale Feinwaage (0,01 g) — präzise Gewichtsbestimmung ist oft der erste Check.
- Digitale Messschieber — für Durchmesser- und Dickemessung.
- Mikroskop 10–50× (Tischmodell oder Stereo) und ein Makroobjektiv für Detailaufnahmen.
- Mobiles Röntgenfluoreszenzgerät (XRF) — wenn möglich, zur Legierungsanalyse. Bruker- oder Olympus-Geräte kommen in Museen häufig zum Einsatz.
- Referenzkataloge und Datenbanken: RIC, BMC, Wildwinds und aktuelle Auktionsergebnisse sind unverzichtbar für Vergleichsanalysen.
Tabelle: Typische Maße eines römischen Silberdenars (Orientierungswerte)
| Merkmal | Orientierungswert |
|---|---|
| Durchmesser | 18–20 mm |
| Gewicht | 3,0–4,5 g (je nach Epoche) |
| Dicke | 1–2,5 mm, variierend |
Wie ich die Ergebnisse bewerte
Kein Merkmal allein ist ein vollgültiger Echtheitsbeweis. Ich arbeite mit einem Punktesystem, das ich mir intern angeeignet habe: Jedes der sieben Merkmale liefert Indizien pro oder contra Echtheit. Zeigen mehrere Indikatoren auf Authentizität und passt die Legierung, verleihe ich dem Stück eine hohe Wahrscheinlichkeit. Bei Widersprüchen empfehle ich immer eine physikalische Analyse (XRF, wenn nötig Metallographie) und den Austausch mit Kolleginnen oder einem anerkannten Prüfer.
Tipps für Käufer und Sammler
- Bestehen Sie auf klare Fotos (Makro) und, wenn möglich, professionelle Analysen beim Kauf hochwertiger Stücke.
- Halten Sie nach Provenienz-Hinweisen Ausschau — Auktionskataloge, Museumsketten oder ältere Sammleretiketten sind Gold wert.
- Investieren Sie in eine gute Lupe und ein einfaches Stereo-Mikroskop — das zahlt sich schnell aus.
- Vorsicht bei „zu gut erhaltenen“ Stücken ohne bekannte Herkunft: Perfekt glatte Ränder, untypische Legierungswerte oder seltsam gleichmäßige Patina sind rote Flaggen.
Wenn Sie ein konkretes Stück prüfen möchten, können Sie mir gern hochwertige Detailfotos senden oder einen Termin für eine genaue Begutachtung vorschlagen. Ich tausche mich zudem regelmäßig mit Restauratorinnen und Kollegen aus Museen aus — manchmal reicht ein Blick, um einen Zweifel auszuräumen oder neue Fragen aufzuwerfen.