In meiner Arbeit als Kulturhistorikerin und Gründerin von Helios Numismatik stoße ich immer wieder auf die Frage: Wie kann man die regionale Provenienz einer Münze allein aus Stempelverbindungen und Randpunzierungen bestimmen? Es ist eine reizvolle Herausforderung, denn diese kleinen, oft übersehenen Details können überraschend viel über Herkunft und Herstellungsort verraten — vorausgesetzt, man betrachtet sie mit dem richtigen Blick und methodischen Werkzeugen.
Warum Stempelverbindungen und Randpunzierungen wichtig sind
Münzstempel sind nicht nur Träger von Bild- und Schriftmotiven; sie sind auch physische Objekte, die während ihrer Lebenszeit Abnutzungserscheinungen, Reparaturen und individuelle Bearbeitungsspuren annehmen. Diese Spuren werden bei jeder Prägung auf die Münzfläche übertragen und bilden so eine Art "fingerabdruckähnliches" Muster:
Erste Schritte: Visuelle Bestandsaufnahme
Wenn ich eine neue Münze betrachte, beginne ich stets mit einer sorgfältigen visuellen Bestandsaufnahme. Dazu gehört:
Für die Fotografie verwende ich häufig eine Kombination aus einem Makroobjektiv (z. B. Canon EF 100mm f/2.8 Macro) und einer LED-Lichtquelle mit einstellbarer Helligkeit — das macht feine Stempelstrukturen sichtbar, ohne die Patina zu überblenden.
Stempelvergleiche systematisch durchführen
Der Kern der Methode besteht im systematischen Vergleich. Ich arbeite dabei nach einem einfachen Schema:
Besonders aufschlussreich sind exakte Übereinstimmungen von kleinen, zufälligen Beschädigungen oder Radiuskratzern: Sie deuten stark auf denselben Stempel hin. Werden solche gemeinsamen Merkmale auf mehreren Münzen gefunden, kann man Stammformen und Stempelwerkstätten rekonstruieren.
Randpunzierungen als regionale Marker
Randpunzierungen sind in vielerlei Hinsicht regionale Markenzeichen. Unterschiede treten auf in:
Ein Beispiel aus meiner Forschung: In einer Serie mittelalterlicher Groschen fielen mir wiederholt identische Randpunzierungen auf, die in einem regionalen Katalog als Kennzeichen einer norddeutschen Münzstätte identifiziert wurden. Solche Beobachtungen lassen sich dann mit historischen Quellen — Münzordnungen, Werkstättenverzeichnissen — abgleichen.
Nicht nur visuell: Messungen und Materialanalyse
Allein visuelle Übereinstimmungen sind oft überzeugend, aber ich ergänze sie gern um objektive Daten:
Die Kombination aus Stempelmerkmalen, Randpunzen und physikalischen Daten erhöht die Aussagekraft: stimmen alle Kriterien überein, wird eine regionale Zuordnung sehr wahrscheinlich.
Methodische Fallstricke und wie ich sie vermeide
Bei der Arbeit mit Stempelverbindungen und Randpunzierungen muss man vorsichtig sein — es gibt Täuschungs- und Fehlinterpretationsquellen:
Ich prüfe deshalb immer die chronologische Konsistenz (passt die Münze in die historische Periode der angenommenen Werkstatt?) und konsultiere wenn möglich externe Expertise: Museumsrestauratoren, Münzstättenforschung oder erfahrene Sammler.
Praktische Werkzeuge und Ressourcen, die ich empfehle
Außerdem arbeite ich gerne mit Communities — Foren, lokale Numismatikvereine und Facebook-Gruppen — weil häufig jemand einen übersehenen Referenzstempel besitzt oder ein kleines Detail kennt, das in der Literatur fehlt.
Ein kurzes Fallbeispiel aus meiner Arbeit
Vor einiger Zeit erhielt ich eine silberne Brakteat-Münze mit unscheinbaren Randpunzen. Nach detaillierter Fotodokumentation und Layer-Vergleich fiel mir eine kleine Kerbe im Haarelement auf, die ich in mehreren Museumsexemplaren einer bekannten sächsischen Werkstatt wiederfand. Ein XRF-Schnellscan bestätigte eine charakteristische Silber-Kupfer-Zusammensetzung, wie sie in regionalen Schmelzrezepten dokumentiert ist. In Kombination mit Archivquellen zur Münzmeisterliste konnte ich die regionale Provenienz mit großer Wahrscheinlichkeit eingrenzen — allein durch die Verbindung von Stempelmerkmalen und Randpunzierungen.
Wenn Sie möchten, kann ich in einem nächsten Beitrag Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Fotografie und zu den Bildvergleichstechniken geben oder eine kleine Checkliste zum Download bereitstellen. Ich tausche mich auch gern über konkrete Fälle aus — schicken Sie mir Ihre Fotos, und wir sehen sie uns gemeinsam an.